Interview mit Prof.Dr. E.F. Elstner

Lehrstuhl für Phytopathologie
Technischen Universität München-Weihenstephan 1

1.Was versteht man unter dem Begriff Nahrungsergänzung?

Eine Nahrungsergänzung soll ein nicht vollkommenes Nahrungsmittel vervollkommnen. Die Nahrung, die wir zu uns nehmen, kann nicht vollkommen sein, weil jeder Mensch individuell Schwerpunkte setzt. Wenn man eine Nahrung ergänzt und aus der Summe aller Nahrungsmittel, die man verzehrt, einen vollwertigen, alle Bereiche abdeckenden "Schutzfaktor" machen will, denn wesentliche Schutzfaktoren sind bereits in der Nahrung enthalten, so muß altersmäßig, leistungsmäßig oder krankheits- bzw. gesundheitsbezogen ergänzt werden.

2. Wie sinnvoll sind Nahrungsergänzungen und wann ist eine Supplementierung erforderlich?

Eine Supplementierung ist immer dann erforderlich, wenn man aufgrund neuer Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung weiß, daß die Nahrung, die man gerade zu sich nimmt, an irgend einem essentiellen Faktor Mangel leidet. Dieser Faktor muß supplementiert werden, um ein Optimum aller Faktoren, die kooperieren - es gibt eine "Hackordnung" der Substanzen, z.B. Antioxidantien - , auf das ideale Maß einzustellen.

3. Oxidantien werden im Zusammenhang mit der Entstehung von Artherosklerose, Krebs und Erkrankungen des ZNS diskutiert. Welche Bedeutung haben Antioxidantien und hier besonders Coenzym Q10?

Viele Krankheiten treten in Verbindung mit der Bildung reaktiver Sauerstoffspezies auf. Reaktive Sauerstoffspezies haben eine wichtige Funktion, z.B. bei der unspezifischen Immunabwehr durch Leukozyten oder bei der Metabolisierung von Xenobiotika. Die Ausscheidung von Substanzen, die löslich gemacht werden müssen, läuft über oxidative Schritte. Aber auch Signaltransduktionen laufen über solche Oxidantien, z.B. über Wasserstoffperoxid. Sauerstoffaktivierung ist also nötig. Aber bei zahlreichen Prozessen, so auch bei vielen Erkrankungen, sind reaktive Sauerstoffspezies, im Übermaß produziert, schädlich. Deshalb sind bei den hier angeführten Erkrankungen diese reaktiven Sauerstoffspezies in Kooperation mit Übergangsmetallen, wie Eisen und Kupfer, von besonderer Bedeutung. Hier ist speziell auf Eisen hinzuweisen. Männer mittlerem Alter sind besonders durch zuviel Eisen gefährdet. Ebenso die post-menopausale Frau, wenn sie das Eisen nicht zyklisch ausscheidet, ist einem höheren Artheroskleroserisiko ausgesetzt als vor der Menopause. Wichtig ist, daß hier CoQ10 in ausreichender Menge vorhanden ist. Roland Stocker (Australien) und auch wir konnten zeigen, daß in Kooperation mit anderen Antioxidantien (z.B. Thioctsäure und Vitamin E), CoQ10 die oxidative Schädigung eindämmen kann.

4. Welche Rolle spielt oxidiertes LDL bei der Entstehung der Artherosklerose?

Auf dem Gebiet der Artheroskleroseforschung gibt es kaum eine Arbeitsgruppe, die heute die Oxidation von LDL (Low Density Lipoprotein) als bedeutungslos hinstellt. LDL ist ein Transportmolekül für Cholesterin. Wenn LDL oxidiert vorliegt, wird es von den Makrophagen nicht über den regulierten Rezeptor aufgenommen, der den Makrophagen meldet: "satt", sondern über den unspezifischen Scavenger-Rezeptor. Dieser Rezeptor ist nicht rückreguliert und die Makrophagen nehmen unkontrolliert viel LDL auf und sedieren in der Intima zwischen den Endothelzellen und den glatten Muskelfaserzellen. Dort bilden sie Plaques und geben Signale ab, so daß weitere Leukozyten angelockt werden und an dieser Stelle Entzündungsherde entstehen. Kalzium strömt ein und verhärtet die Gefäßwände. Diese LDL-Oxidation ist somit ein initialer Schritt bei der Atherogenese, der verhindert wird durch eine wohlbalancierte Ernährung mit ausgewogener Antioxidantienkombination. Dazu gehört auch Selen, wenn das Selen in der Nahrung nicht ausreicht. Ebenso sind alpha-Tocopherol, Cartinoide und Lycopin der Tomaten von Bedeutung. Das Konzert der Antioxidantien wäre unvollständig ohne Ubichinon (Co-Enzym Q10). Ubichinon Q10 hat eine elementare Vermittlerrolle zwischen Reduktionsmitteln und dem Radikalfänger alpha-Tocopherol.

5. Welche antioxidativen Eigenschaften von CoQ10 werden diskutiert?

Die antioxidativen Eigenschaften von Coenzym Q10 erklären sich durch das reduzierte CoQ10, das Hydrochinon, das für reaktive Sauerstoffspezies und Radikale ein guter Reaktionspartner ist und dabei in das Semichinon übergeht, das wieder zum Hydrochinon und zum Chinon disproportioniert. Semichinon und Chinon können durch bestimmte Substanzen, so z.B. in einer langsamen Kinetik durch Ascorbinsäure (Vitamin C) und relativ schnell durch Dyhydroliponsäure oder Thioctsäure, reduziert werden. Q10 wird im mitochondrialen Elektronentransport reduziert. Dort hat es eigentlich seine Rolle als Vermittler zwischen dem Reduktionsmittel NADH und der Endoxidase, der Cytochromoxidase. (Anm.: Q10 verbraucht sich durch diesen Vorgang und benötigt "Nachschub" zur Aufrechterhaltung seiner Funktion)

6. Heute gibt es CoQ10 als Reinsubstanz oder in Kombination mit Vitamin E, Vitamin C oder beta-Carotin. Welche Bedeutung hat diese Kombination für den menschlichen Organismus?

Die Vitamine C und E und beta-Carotin kommen in allen Nahrungsmitteln, Gemüse, Obst, Vollkornbrot und anderen Grundnahrungsmitteln vor. Eine Supplementierung im Zusammenhang mit anderen Antioxidantien ist nur dann angezeigt, wenn ein unausgewogenes Nahrungsangebot vorliegt. Das gilt besonders für Senioren, gestresste Personen, Raucher, Hochleistungssportler und für Menschen, bei denen bestimmte Unverträglichkeiten vorliegen; diese sollten auch andere Substanzen ergänzen. Im wesentlichen sind es Ältere oder jene Menschen in besonderen Situationen, die diese Zusatzstoffe benötigen.

7. Ist Q10 auch zur dopingfreien Leistungssteigerung geeignet und wenn ja, in welcher Dosierung?

Aufgrund einiger Arbeiten ist bekannt, daß die Leistungsfähigkeit auf Dauer ansteigt, wenn man regelmäßig Coenzym Q10 im Bereich von 100 mg täglich verzehrt. Bei starker körperlicher Leistung ist der "Verbrennungsprozeß" von Coenzym Q10 erhöht und Coenzym Q10 muß entsprechend nachsynthetisiert werden. Beim jungen Menschen ist diese Synthese im wesentlichen gewährleistet. Personen, die außerhalb ihrer eigentlichen Grenzen operieren und beim älteren Menschen ist der Nachschub an Coenzym Q10 durch die Eigensynthese nicht mehr garantiert.

8. CoQ10 ist wasserunlöslich, wird aber zum Verzehr als Kapsel in Sojaöl angeboten. Ein Novum ist ein Getränk, das CoQ10 in wässriger Lösung plus Vitamin E (auch wasserunlöslich), enthält. Welchen Vorteil hat die Lösung gegenüber herkömmlichen Nahrungsergänzungen, die CoQ10 in Kapseln enthalten?

Es ist immer günstig, wenn man in Wasser gelöste Stoffe zu sich nimmt. Obwohl Coenzym Q10 lipophil ist, kann Coenzym Q10 mit Hilfe eines speziellen Lösungsvermittlers das Kompartiment seiner Wahl selbst aussuchen. CoQ10 verläßt, sobald es vom Organismus aufgenommen wird, die wässrige Phase und geht in die Lipidphase über. Eigene Versuche mit Humanserum und Plasma zeigen, daß wasserlösliche CoQ10 im Plasma automatisch "sein" Kompartiment, nämlich die Lipoproteine des LDL, sucht.

9. Was unterscheidet den neuen CoQ10-Drink von Energydrinks, die z.B. Coffein und die Aminosäure Taurin enthalten?

Der CoQ10-Drink der neuen Art ist kein Aufputschmittel. Coffein und Taurin sind Stimulanzien, die teilweise über das ZNS ihre stimulierende Wirkung entfalten. Das Nukleosid (auch Nukleotid gen.) Adenosin besetzt z.B. einen Rezeptor, der u.a. Operationen im ZNS verlangsamt. Das im Organismus anwesende Coffein (1,2,7-Trimethylxanthin) belegt diesen Adenosin-Rezeptor. Es bilden sich dann aber vermehrt solche Rezeptoren und dadurch verlangt der Organismus nach mehr Coffein. Da sowohl die Aminosäure Taurin und das Coffein über neuronale Wege wirksam werden, sollte ein "gesunder" Energy-Drink diese Stoffe nicht enthalten.
(Anmerkung der Redaktion: In den am Markt befindlichen Q10-Drinks wird das fettlösliche Q10 durch Emulgatoren verflüssigt; dies mit der negativen Folge, daß die Sauerstoffverbrauchsraten in den Atmungskettenkomplexen III und IV der Mitochondrien gehemmt werden.)

10. Welche Wirkungen sind bei regelmäßigem Verzehr von CoQ10-haltigen Nahrungsergänzungen in der Dosierung von 30 mg und mehr zu erwarten und sind Nebenwirkungen bekannt?

Beim Verzehr von Coenzym Q10 sind selbst in höheren Dosen keine Nebenwirkungen zu erwarten. CoQ10 sollte überall da eingesetzt werden, wo Leistung unter erschwerten Bedingungen zu erbringen sind. Man kann davon ausgehen, daß CoQ10 als wichtiger Redox-Vermittler nicht überall in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Das ist individuell verschieden und da man bis zu 200 mg mit Sicherheit in wirksamen Bereichen liegt, sollte man mindestens 100 mg täglich geben.

11. Werden Resorption und Bioverfügbarkeit von CoQ10 durch Wasser mit Hilfe von Emulgatoren als Lösungsvermittler oder durch Sojaöl optimiert?

Soll lipophiles CoQ10 als nicht wässrig lösbare Substanz eingenommen werden, benötigt man Wasser plus Emulgator. Die Lipophilität des CoQ10 kann durch bestimmte Lösungsvermittler (Emulgatoren) positiv beeinflußt werden, da es zunächst in die wässrige Phase geht, die im Magen vorherrscht. Sind im Magen Fette vorhanden, gehen lipophile Substanzen in die Fettphase über. Da aber die wässrige Phase den Intestinaltrakt im wesentlichen beherrscht, werden CoQ10-Moleküle, die lösevermittelt in der wässrigen Phase verweilen, über eine große Oberfläche exponiert und dadurch rasch aufgenommen und ins Blutplasma transportiert werden. Dort treten sie in das lipophile Kompartiment, z.B. das LDL oder in Membranen, ein. In Sojaöl gelöstes CoQ10 wird erst auf die Lipidtröpfchen verteilt und benötigt somit eine längere Zeit, bis es in der wässrigen Phase zur Wirkung kommt.

12. Wer profitiert vom Verzehr von CoQ10 (Ubichinon), z.B. Menschen mit Fettstoffwechselstörungen, die mit Lipidsenkern (Statinen) behandelt werden?

Es sind Menschen, die unter erschwerten Rahmenbedingungen (s.o.) besondere Leistungen erbringen müssen oder die sich in einer besonderen metabolischen Situation befinden. Menschen mit Artherosklerose, Hochleistungssportler, Senioren oder Menschen, die ständigem Streß ausgesetzt sind. Da der Organismus auf die Eigensynthese von CoQ10 angewiesen ist und diese Synthese in Anwesenheit der Statine geblockt ist, wird diskutiert, ob das CoQ10 unbedingt zur Statine-Therapie supplementiert werden muß. (mittlerweise wissenschaftlich erwiesen; ausführlich darüber hier klicken) Eine reaktive Substanz ist z.B. auch das Probucol, ein Diphenyl-Dithioetherderivat (Lipidsenker). Es besitzt neben je einer Hydroxylgruppe am Aromaten zwei flankierende Isobutylgruppen, die die Elektronen in den Sauerstoff "drücken" und dadurch die Abstraktion eines Wasserstoffatoms stark begünstigen. Einen ähnlichen bzw. analogen Mechanismus zeigen das alpha-Tocopherol und das MPPG (Sedalipid, eine schiff`che Base). So haben diese Substanzen eine gemeinsame Eigenschaft: Sie verhindern die Oxidation von LDL. (Zu diesem Thema ausführlich Prof. Hattersly -hier klicken-)

13. Wie wird das CoQ10 für die Atmungskette benötigt?

Die Atmungskette ist der erste Platz für CoQ10. Das Design, CoQ10 in die Atmungskette der Mitochondrien einzubauen, ist vermutlich stark von der biologischen Uhr des Menschen (zirkadiane Rhythmik) abhängig, so daß die Eigensynthese von CoQ10 die mitochondriale Atmungskette voll abdeckt. Nicht voll abgedeckt ist die Integration in Entgiftungsketten, die entscheidend für die Funktion als Elektronentransport-Metabolit ist. Die Elektronentransportkette der Mitochondrien ist kaum in einen Mangel zu bringen, auch wenn der Organismus Höchstleistungen vollbringt und keine Supplementierung vorgenommen wird. Da diese Respirationskette kontinuierlich an Entgiftungsketten angekoppelt sein muß und alle biologischen Membranen ständig Radikalen gegenüber exponiert sind, hat CoQ10 über seine Elektronentransportfunktion eine Entgiftungsfunktion. Diese Entgiftungsfunktion ist ebenfalls als Elektronentransportkette zu verstehen.

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