XIX
|
Der erhöhte oxidative Streß, der zur verstärkten Radikalbildung führt und in Zusammenhang mit der Entwicklung (Horio F., Fukuda M., Katoh H., Peturzelli, Yano N., Rittershoms C., Borner-Weiler S., Hattori M.: Diabetologia 37:22-31, 1994) von Spätschäden steht, führt durch die Absenkung der Q10-Plasma- und Gewebsspiegel zum bioenergetischen Defizit beim Diabetiker (Baynes I.W.: Role of oxidative stress in development of complications in diabetes. Diabetes 40:405-12, 1991). Bowers konnte bereits 1984 nachweisen, daß die Mehrzahl der Diabetiker einen Q10-Mangel aufweist. Dies hat Auswirkung auf die Membranstabilisierung und damit auf die Zell-zu-Zell-Kommunikation über Rezeptoren oder Ionen-Kanäle. Insbesondere die Fehlregulation der Calcium-Kanäle führt zum Abfall des bioenergetischen Status der betroffenen Zellen. Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang die Entdeckung, daß die Geschwindigkeit, mit der Präprohormone wie Präproinsulin im Golgi-Apparat prozessiert, in Vesikel verpackt und zur Zellwand transportiert werden, von der Q10-Konzentration des Golgi-Apparates abhängt (Appelkvist E.-L., Kalén A., Dallner G.: Biomedical and Clinical aspects of Coenzym Q10. Vol. 6 Elsevier, Amsterdam, pp. 141-250, 1991). Dr. DeLeeuw und Dr.rer.nat.F. Enzmann untersuchten bereits 1979, inwieweit sich die verzögerte Insulinkinetik bei übergewichtigen Typ II Diabetikern beschleunigen oder gar normalisieren läßt. Die Insulinresistenz könnte somit nach J.R. Williamson durch einen durch „Pseudohypoxie" induzierten oxidativen Streß entstehen (Williamson I.R., Chang K., Allison W., Faller A., Santiago J.V., Tilton Rh., Hasan K.S.: Increaded blood flow in retina, sciatic nerve, and kidney in hyperglycemic nondiabetic rats. Diabetes 43: 1010-1014, 1994). Die Insulinresistenz steht wiederum in Zusammenhang mit einer durch Sauerstoffradikale induzierten Lipid-Oxidation (Felber J.P., Golay A., Jéguier. Institut de Physiologie à l’Université de Lausanne, Switzerland: Insulin resistance in aging. Ist Relationship with a relative increase in Lipid oxidation. Meeting of the European Diabetes Association. Abstract 261, 1993). Die b -Zelle weist eine geringe antioxidative Kapazität auf; somit ist sie gegenüber oxidativem Streß vulnerabel; dies gilt für Diabetiker vom Typ I und II. Da sowohl die Entstehung des Diabetes als auch die Spätkomplikationen mit den freien Radikalen assoziiert sind, lag es nahe, Antioxidantien zur Behandlung einzusetzen. Durch eine adjuvante Antioxidantien Supplementation zeigten sich signifikante Besserungen der Neuropathie-Symptome und daher empfiehlt sich eine Antioxidantientherapie zur Regression diabetischer Spätkomplikationen. Auch Brunzell weist auf die verminderte antioxidative Kapazität von Diabetikern hin und fand, daß Vitamin E und C-Plasmaspiegel nicht vermindert waren; Harnsäure hingegen war reduziert (Brunzell J.D., Tsai E.C., Chait A.: Reduced plasma free radical trapping capacity and increased susceptibility of LDL to oxidation in poorly controlled insuline-depen- dent diabetes mellitus. Diabetes 43: 1010-1014. 1994). Cameron entdeckte, daß die gefäßbedingte Nervendysfunktion bei Diabetikern vom oxidativen Streß abhängt. Dies läßt wiederum darauf schließen, daß die freien Sauerstoffradikale eine wesentliche Rolle bei der Entstehung der diabetischen Neuropathie spielen (Cameron N.E., Coffer M.A., Archibald V., Dine K.C., Maxfield E.K.: Anti-oxidant and pro-oxidant effects on nerve conduction velocity, endoneural blood flow and oxygen tension in non-diabetic and streptozotocin-diabetic rats. Diabetologia 37: 449-459, 1994). Braunes Fettgewebe (BAT) spielt bei der Maus eine wesentliche Rolle in bezug auf die Energieregulation; eine Fehlfunktion oder Fehlen des BAT kann zur Fettsucht führen: Die braune Farbe dieses Fettgewebes stammt von den zahlreich enthaltenen Mitochondrien im Fettgewebe. Flier beobachtete an transgenen Mäusen, die kein BAT exprimieren, daß sie Fettsucht oder eine Insulinresistenz entwickeln (Flier J.S., Lowell B.B., Susulic V.S., Hamann Aj., Lawitt J.A., Himms-Hagen J., Boyer B.B., Kozak L.P.: Development of obesity in transgenic mice after genetic ablation of brown adipose tissue. Mature 366: 740-742, 1993). DeLeeuw bestimmte bei Fettsüchtigen den Q10-Plasma-Spiegel. Stark Übergewichtige wiesen einen 50%igen Q10-Mangel auf (DeLeeuw I., van Gaal L., Vadhanavikit S., Folkers K.: Exploratory study of Coenzym Q10 in obesity). In einer Pilotstudie erhielten Probanden mit Fettsucht 100mg Q10 täglich. Fettsüchtige mit erniedrigten Q10-Spiegeln verloren unter der Q10-Gabe innerhalb von 3 Monaten im Mittel 16,4 kg, während die Probanden mit relativ normalen Q10-Plasma-Spiegeln lediglich 5,8 kg abnahmen. Aufgrund der großen Bedeutung, die den freien Radikalen bei der Entstehung des Diabetes mellitus und bei der Entwicklung der diabetischen Spätkomplikationen zukommt und aufgrund der Tatsache, daß Coenzym Q10 nicht nur zu den dominanten körpereigenen Radikalfängern, sondern zu einem zentralen Element der Atmungskette und damit der zellulären Energieversorgung zählt, ergeben sich für Q10 interessante Möglichkeiten zur adjuvanten Behandlung von Diabetes und dessen Spätkomplikationen. |