Neue Endeckungen erweitern unsere Kenntnis
über die Wichtigkeit von Selen

Teil III

Natürliche Selen-Aufnahme

Die Selen-Aufnahme unterscheidet sich in einzelnen Regionen der Erde, abhängig von den geochemischen Gegebenheiten, bis um den Faktor zehn. Es werden zwei selenarme Zonen beschrieben, je eine auf der nördlichen und der südlichen Hemisphäre. Die Blut-Selenwerte gesunder Japaner und Japanerinnen sind mit 0,28 µg/ml etwa doppelt so hoch wie die Blut-Selenwerte der meisten Amerikaner und Europäer. In Japan ist nicht nur das Brustkrebs-Risiko um ein 1/5 niedriger als in den USA; es gibt dort auch bei weitem am wenigsten Herzinfarkte und andere Arteriosklerose-assoziierte Ereignisse, obwohl in Japan weltweit am meisten geraucht wird. Zwischenzeitliche Verwestlichung der japanischen Ernährung ist u.a. mit einer Verringerung der Selen-Aufnahme verbunden: diese Nahrungsumstellung ist mit einer Erhöhung des Brustkrebsrisikos auf das vier- bis fünffache verbunden (46).

Die BRD und Österreich befinden sich innerhalb der nördlichen selenarmen Zone (47). Für erwachsene deutsche Männer und Frauen wurde eine tägliche Brutto-Selen-Aufnahme von nur 73,8 bzw. 61,3 µg errechnet. Wegen der Verluste bei der Speisenzubereitung beträgt die tatsächliche Selen-Aufnahme nach Oster und Prellwitz oft nur 47 bzw. 38 µg (48), in den neuen Bundesländern sogar nur 20-25 µg. Daten von 1997 zeigen, daß diese Werte sich weiter verschlechtert haben. Diese Werte gelten für Westdeutschland in den 80er Jahren, d.h. nach Ratifizierung der EU-Verträge. In den 60er und 70er Jahren betrug die Selen-Aufnahme - vermutlich hauptsächlich wegen der Getreideimporte aus Kanada und den USA - noch 100-150 µg. Der physiologische Selen-Bedarf beträgt nach gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis 1µg Se/kg-Körpergewicht/Tag, was 80 µg/Tag für den Durchschnittsmann und 57 µg/Tag für die Durchschnittsfrau entspricht (49). Nach der Einführung der EU-Verträge verringerte sich die Selen-Aufnahme auch in anderen europäischen Ländern, die als selenarm zu gelten haben.

Die Ackerböden - und dadurch unser Getreide, Gemüse und Obst - sind arm an Selen. Zusätzlich läßt sich in den mitteleuropäischen Ländern ein Nord-Süd-Gefälle feststellen: im Norden ist der Selen-Gehalt am höchsten, im Süden am niedrigsten. Die Pflanzen jedoch weisen, unabhängig von der Region, gleich niedrige Selen-Konzentrationen auf. Ursache dafür ist die Bindung des mineralischen Selens im Boden, die um so größer ist, je saurer der Boden ist. Unter den heutigen Bedingungen der Bodenübersäuerung, Überdüngung und Verarbeitung der Ernte ist das Spurenelement nur mehr gering für Pflanzen verfügbar.

Selen wird zwar von allen Getreidepflanzen aufgenommen und vorwiegend in Form von Selenomethionin in das Pflanzeneiweiß eingebaut. Im Korn ist das Selen einigermaßen gleichmäßig verteilt, bei der Vermahlung treten aber trotzdem Selen-Verluste von bis zu 50% auf. Durch anschließende längere Lagerung treten dann weitere erhebliche Selen-Verluste auf.

Die Selen-Konzentrationen in den Getreidekörnern spiegeln im wesentlichen den Selen-Gehalt des Bodens wieder. Da Selen zum Wachstum der Pflanzen nicht benötigt wird, sind in selenarmen Ländern erzeugte Getreide praktisch selenfrei. Dies gilt für die meisten europäischen Getreide. So kommt es, daß sich die Selen-Aufnahme in Deutschland, Österreich und auch in den anderen Mitgliedsstaaten der EU in den letzten 10-20 Jahren wesentlich verringerten, da nunmehr auf Importe aus Kanada und den USA weitgehend verzichtet, und vorwiegend in Europa produziertes Getreide verwertet wird.

Die Selen-Armut europäischer Getreide wird durch Umweltfaktoren zusätzlich verschlimmert. So wird die Bioverfügbarkeit des Selens z.B. durch Schwermetalle im Boden vermindert. Ein zusätzlicher, die Selen-Aufnahme durch Pflanzen herabsetzender Faktor, ist die Übersäuerung des Bodens, die sowohl durch Überdüngung mit Ammoniumsulfat, als auch durch Umwelteinflüsse wie z.B. den sauren Regen verursacht werden.

Derzeit ist die Hauptquelle für Selen Fleisch. Idealerweise sollte das Selen zu etwa gleichen Teilen aus pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln aufgenommen werden. In selenarmen Ländern ist dies nicht der Fall. In Deutschland z.B. tragen Getreideprodukte nur mit etwa 5%, Gemüse mit 3% und Obst mit 1% zur gesamten Selen-Aufnahme bei. Der sich durchschnittlich ernährende Erwachsene erhält etwa 85% des insgesamt zugeführten Selens aus tierischen Nahrungsmitteln, die Hauptmenge davon durch Verzehr von Schweine- und Hühnerfleisch. Diese Fleischsorten sind aber nur selenreich, weil bei der Aufzucht dieser Tiere künstlich selenangereicherte Futtermittel verwendet werden müssen. Allerdings wird dem Viehfutter Selen-Salz und kein Selenomethionin beigemischt, was für den Menschen, soweit er seine Gesundheit erhalten will, deutlich besser wäre. Vegetarier haben es in Deutschland also schwer, sich allein durch ihre Nahrung ausreichend mit Selen zu versorgen.

Der Selen-Gehalt allein reicht zur Bewertung von Nahrungsmitteln jedoch nicht aus. Es muß auch die Bioverfügbarkeit des Selens berücksichtigt werden, die sehr unterschiedlich sein kann. In Getreiden z.B. ist sie hoch und liegt zwischen 90 und 100%, in Seefischen ist sie wesentlich geringer. Im Thunfisch ist das Selen z.B. nur zu etwa 50% bioverfügbar, im Fischmehl nur zu etwa 10%. Auch das im Fleisch enthaltene Selen weist im allgemeinen eine, im Vergleich zu Getreiden, verminderte Bioverfügbarkeit auf. Im tierischen Eiweiß liegt ein Teil des Selens an Schwermetalle gebunden bzw. in anderen, nicht bioverfügbaren Formen vor. Rindfleisch ist - zumindest in Europa - vergleichsweise selenarm, da diese Tiere in der Regel kein selenhaltiges Kraftfutter erhalten.

Aufnahme von Selen

Selenomethionin (organisches Selen) wird vom Organismus besser resorbiert als Selenit-Selen (anorganisches Selen), das überwiegend der therapeutischen Anwendung dient. Die Aufnahme von Selenit-Selen wird bei gleichzeitiger Einnahme von Vitamin C vermindert, weil Selenit durch Ascorbinsäure zum wenig bioverfügbaren elementaren Selen reduziert wird. Der Effekt tritt nur bei Einnahme vergleichsweise großer Vitamin-C-Mengen auf. Durch Orangensaft wird die Selen-Aufnahme nicht vermindert, möglicherweise sogar verbessert (39).

Verteilung und Status

Nach der Resorption gelangt das Selen zunächst in die Erythrozyten und wird dort in eine Form umgewandelt, die vom Plasmaprotein gebunden werden kann. Der Selen-Gehalt im Vollblut wird hauptsächlich durch die Selen-Menge in den Erythrozyten bestimmt.

Im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen wurden niedrigere Selen-Gehalte im Serum von Patienten mit Myokardinfarkt, multipler Sklerose, Krebs, , Senilität, Alkoholismus, Infektionskrankheiten und bei Nierenerkrankungen (Dialyse-Patienten) gefunden. Verschiedene Belastungen, denen der Organismus ausgesetzt ist, können sich auf den Selen-Status im Blut auswirken (u.a. Leistungssport, Schwangerschaft).

Organverteilung

Selen findet sich in allen Organen, jedoch in unterschiedlichen Konzentrationen. Die Nieren und die Schilddrüse enthalten bei bedarfsdeckendem Angebot das meiste Selen, gefolgt von der Leber. Selen ist auch in den Hoden, den Nebennieren, der Milz, der Bauchspeicheldrüse, in der Lunge, in der Thymusdrüse, im Herzen, in der Skelettmuskulatur und im Gehirn enthalten.

Selen-Konzentrationen in verschiedenen Organen bezogen auf das Feuchtgewicht (µg/g) (39
Land Leber Niere Skelelettmuskel Herz
Deutschland 0,291 0,771 0,111 0,170
Neuseeland 0,209 0,750 0,061 0,190
Kanada 0,390 0,840 0,370 -
USA 0,540 1,090 0,240 0,280
Japan 2,300 1,500 1,700 1,900
Steiermark/Österr 0,160 0,448    

Diese Werte wurden Mitte der 80er Jahre ermittelt und haben sich seit dieser Zeit eher verschlechtert.

Selen- und Redoxstatus (50)

Bei zahlreichen Erkrankungen wie Entzündungen, Infektionskrankheiten, Intoxikationen und bei Krebserkrankungen ist die Radikalhomoöstase gestört. Das heißt, es werden mehr Radikale gebildet als vom Körper abgebaut werden können. Freie Radikale und reaktive Sauerstoffspezies entstehen endogen bei verschiedenen Stoffwechselaktionen, zum Beispiel beim Abbau freier (!) Fettsäuren, aber auch durch exogene Faktoren wie Medikamente, Chemikalien, Tabakrauch oder die UV-Strahlung.

Besonders reaktiv sind Singulettsauerstoff und das Hydroxylradikal. Werden diese hochreaktionsfähigen Radikale nicht sofort neutralisiert, d.h. gebunden, führen sie zur Zellschädigung. Alle Zellen sind daher mit einem Schutzsystem ausgestattet, zu dem Enzyme wie Superoxiddismutase (kupfer- und zinkabhängig) Katalase und Glutathionperoxidase (selenabhängig) gehören. Letztere ist sowohl extra- als auch intrazellulär sowie membranständig vertreten.

So wurden bei Patienten mit Brust-, Eierstock- und Gebärmutterhals-Karzinomen, Kopf-Hals-Tumoren, Hirntumoren, Magen-, Darm- und Mastdarm-Karzinomen sowie Leukämien veränderte Redoxstaten gefunden. Die Patienten wiesen dabei meist niedrige Blutselen-Spiegel sowie Glutathionperoxidase-Aktivitäten auf. Epidemiologische Daten sprechen dafür, daß ein erniedrigter Selen-Spiegel die Entstehung einer Tumorerkrankung möglicherweise begünstigt, da dieser Zustand oft lange vor Ausbruch der Erkrankung besteht und mit dem Auftreten oder der Mortalität von Tumorerkrankungen korreliert.

In prospektiven epidemiologischen und Kohorten-Studien korrelierte der Selen-Spiegel negativ mit der Mortalität an Gebärmutterhals-Krebs, der späteren Inzidenz an Schilddrüsen- sowie Darm-Krebs, einem erhöhten Risiko, besonders von Magen- und Lungenkrebs bei Männern, dem Krebsstadium (niedrigste Werte im Endstadium), der Krebssterblichkeit (prädiagnostisch um 12% niedrigere Spiegel) sowie der späteren allgemeinen Krebsinzidenz.

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