Mit
Trauer nahmen die Gesellschaft der Naturstoffchemiker, der Medizinischen Chemie
generell und die Gesellschaft der Endokrinologen im besonderen die traurige
Nachricht auf, daß Prof. Karl Folkers, einer der größten Naturstoffchemiker,
am Morgen des 9.Dezember 1997 in seinem Haus am Lake Sunnepee in New Hampshire
gestorben ist. Er war erst drei Tage zuvor von einer forscherischen Belangen
dienenden Reise aus Schweden zurückgekehrt.
Sein
großer Wunsch, "gesund zu sterben", wurde im Alter von 92 Jahren
erfüllt.
Bis
zuletzt war Prof. Folkers von der Vision getrieben, noch weitere neue Naturstoffe
zu finden und klinisch anzuwenden. Die chemische Steuerung der Lebensprozesse
war das übergeordnete Thema seines Schaffens.
Karl
Folkers wurde am 1. September 1906 in Decatur, Illinois/USA geboren. Sein Vater
kam von der nordfriesischen Insel Föhr in die Staaten. Karl Folkers erhielt
seine Ausbildung an den Universitäten von Illinois, Wisconsin und Yale.
Bei Prof.T.B. Johnson lernte er, Chemie und Medizin als Einheit zu betrachten.
1934
trat er in die Dienste von Merck in Rahway ein und leitete dort die chemische
Grundlagenforschung.
1963
wurde er nach 29 Jahren in der Industrie zum Präsidenten des Stanford Research
Institute (SRI) ernannt. "Merck zu verlassen war zwar unmöglich, aber
das Angebot von SRI war unwiderstehlich."
1968,
im Alter von 62 Jahren, nahm er noch eine Ashbel Smith Professur in Chemie bei
der Universität von Texas in Austin an. Dort gründete er dann auch
mit seinen Mitarbeitern Boler, Enzmann und Skelton das Institut für
Biomedizinische Forschung (IBR). "Ist es nicht herrlich, daß die
Emeritierung an der Universität von Texas erst mit 70 Jahren kommt?"
Er
führte das IBR bis zu seinem Tode im 92sten Lebensjahr.
Die Höhepunkte seiner Suche nach neuen biologisch wirksamen Substanzen waren:
| die Isolierung und Strukturaufklärung von Antibiotika wie Penicillin und Streptomycin; |
| die Strukturaufklärung und Synthese von Vitamin B |
| die Synthese der Pantothensäure; |
| die Isolierung, Strukturaufklärung und Synthese von Biotin; |
| die Isolierung und Kristallisation von Vitamin B |
| die Isolierung und Strukturaufklärung der Mevalonsäure; |
| die Isolierung, Strukturaufklärung und Synthese von Coenzym Q10 und die Aufklärung des Biosyntheseweges von Q10; |
| die Strukturaufklärung und Synthese des ersten hypothalamischen Regulationshormons TRH (Thyreotropin Releasing Hormon). |
Einerseits
wird Q10 der erste medizinisch angewandte Kandidat für das neue medizinische
Gebiet der MITOCHONDRIALEN MEDIZIN werden, wofür R.Luft, F.Crane und Wallace
die physiologische Basis gesetzt haben. Andererseits wird Q10 eine wesentlich
größere Aufmerksamkeit erlangen, wenn nämlich Endokrinologen
und Immunologen erkennen, daß die Membrandynamik und die Signalübertragung
von der Q10-Konzentration in den Zellmembranen abhängen: Ionenkanäle,
Gap-Junctions, Rezeptorregulation und die Zell-zu-Zell-Kom-munikation.
Q10
ist auch lebenswichtig für die Aktivität des Golgi-Apparates zur Bildung
von Hormon- oder Neurotransmitter-Vesi- keln und deren Transport zur Zellwand,
wo sie für die Exozytose bereitgehalten werden.
Über
die äußerst langsame Akzeptanz von neuen natürlichen Therapieprinzipien
durch die klinische Forschung sagte Prof. K.Folkers einmal: "Ich mache
mir immer mehr Sorgen über die Kluft zwischen Chemie und Medizin. Es ist
notwendig, die Kreativität des Chemikers klinisch wesentlich schneller
im Hinblick auf den Nutzen der neuen Substanzen für die Gesundheit zu bewerten."
Prof.K.Folkers Forschungsergebnisse wurden in über 1000 Veröffentlichungen dokumentiert.
Zahlreiche Auszeichnungen, von denen nur einige erwähnt sein sollen, würdigten sein Schaffen:
| 1948 erhielt er von Präsident Truman eine präsidiale Verdienstauszeichnung; |
| 1951 erhielt er den Wissenschaftspreis des Merck-Aufsichtsrates für seine Arbeiten über Antibiotika und Vitamin B |
| 1962 wurde er zum Präsidenten der American Chemical Society gewählt. |
| 1971 erhielt er zusammen mit Schally, Bowers und Enzmann den Van Meter Prize auf dem Internationalen-Schilddrüsen-Kongress in Wien für die Mitentdeckung von TRH. |
| 1972 erhielt er den Alexander-von-Humboldt-Stiftungspreis. |
| 1986 wurde ihm die höchste Ehre der American Chemical Society verliehen, die Priestly-Medaille. |
| 1990 wurden Prof.K.Folkers zahlreiche Verdienste mit der National Medal of Science des Präsidenten durch George Bush gewürdigt. Hervorgehoben wurden seine Entdeckungen und seine Strategie, die Grundlagenforschung in der Chemie und klinischen Medizin eng miteinander zu verknüpfen mit dem Ziel, neue Therapien gegen Krankheiten zu finden, die schließlich die Verbesserung der Lebensqualität und eine Lebensverlängerung bei zahllosen Menschen bewirkt haben. |
1965 hatte ich die Ehre, Prof. Folkers das erste Mal an der Universität Heidelberg zu treffen. Er war gerade wieder auf einer seiner häufigen Forschungsreisen, auf denen er auch immer nach geeigneten Studenten Ausschau hielt, die er für seine zukünftigen Projekte einzusetzen gedachte. 1967 wurde ich von ihm an das Stanford-Research-Institute in Kalifornien geholt, um einen empfindlichen Test für Ubichinon Q10 in Plasma- und Gewebsproben zu entwickeln. Die ersten Patienten waren Kinder mit Muskeldystrophie.
1968 folgte ich Prof.Folkers an die Universität von Texas in Austin, wo ich mithalf, das Institute for Biomedical Research (IBR) aufzubauen. Dort begannen wir auf die Bitte von Schally und Bowers, die Arbeiten zur Strukturaufklärung von TRH. Am 16. Mai 1969 war es dann soweit: das erste der hypothalamischen Regulationshormone war entdeckt: TRH.
Prof. Folkers und seine Frau Selma hielten bis zum Ende eine äußerst rege Korrespondenz mit den mehr als 100 "wissenschaftlichen Söhnen" (scientific sons), wie er seine engsten Mitarbeiter stets nannte, aufrecht. Auf dem Gebiet der Hypothalamushormone TRH und LHRH und des Ubichinons Q10 arbeitete er über 30 Jahre lang mit mir zusammen. Noch vor wenigen Wochen sagte er zu mir: "Tu etwas! Die Zukunft liegt vor uns!" Er meinte die klinische Anwendung von Ubichinon Q10.
Zahlreiche
Menschen schulden Prof.K.Folkers Dank für sein Vorbild, seinen Rat, sein
Mitgefühl und seine Freundschaft. Die Fürsorge für seine Mitarbeiter
war ein integrativer Bestandteil seiner Auffassung von der Wissenschaft und
vom Leben.
Prof.
Karl Folkers wird uns auch in die Zukunft begleiten bei der Suche nach der klinischen
Anwendung von lebenswichtigen, natürlichen Prinzipien, die er der Natur
während der 60 Jahre seiner Wissenschaftskarriere entlockt hat.
gez. Dr.Franz
Enzmann
"scientific
son" of Prof. K.Folkers