Zivilisationskrankheit Allergie
Früh genug: entdecken, vermeiden, therapieren
Seit den 60er Jahren verdoppelt sich die Zahl der Allergiker im Zehn-Jahres-Rhythmus. Europaweit ist jedes 4. Kind betroffen. Das Meiden und konsequente Beseitigen von Allergie-Auslösern ist wesentlicher Bestandteil der Behandlung und bessert Lebensqualität und -freude. Mit der Hyposensibilisierung steht eine Therapie zur Verfügung, die zwar nicht ohne Aufwand durchgeführt werden kann, die aber als einzige wirksame die Ursache einer Allergie bekämpft.
Der Trend ist weltweit und insbesondere in Industrie-Nationen zu erkennen: Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis nehmen rapide zu. Neben saisonalen Allergieformen spielen so genannte "Indoor-Allergien" eine immer wichtigere Rolle: Tierhaare, Hausstaubmilben oder Schimmelpilze fordern das Immunsystem heraus.
Arbeitsloses Immunsystem
Als Ursache für die Zunahme der Allergien in Industrie-Nationen
wird eine Reihe von Faktoren diskutiert. Fest steht, dass die genetische Disposition
Einfluss auf die Entstehung von Allergien hat: Ist ein Elternteil allergisch,
so beträgt das Risiko einer Allergie-Entwicklung etwa 30 Prozent, bei zwei
allergischen Elternteilen steigt es auf 60 Prozent. Ein weiterer Grund kann
unsere zu wenig ausgelastete Immunabwehr sein.
Unser Immunsystem hat die Aufgabe, vor Viren, Keimen und Erregern zu schützen,
die dem Körper gefährlich werden können. Durch die Möglichkeiten
der medizinischen Vorsorge und die oft übertriebenen hygienischen
Lebensbedingungen hat unser Immunsystem einen Großteil seines Aufgabenbereiches
verloren. So sucht es sich offenbar eine neue Beschäftigung und kämpft
gegen Stoffe und Substanzen, die für den Menschen keine Bedrohung darstellen.
Eine rezente Salzburger Untersuchung zeigt, dass Kinder, die auf einem Bauernhof
aufwachsen, deutlich seltener an Allergien leiden als Stadtkinder. Der frühe
Kontakt mit Tieren und einer weniger sauberen Umgebung scheint genauso vor Allergien
zu schützen wie ein Training des Immunsystems durch Infektionen im Kindesalter.
Darüber hinaus spielen auch sozioökonomische
Faktoren sowie der Lebensstil eine wichtige Rolle: Wer sich besonders viel in
geschlossenen Räumen mit den typischen Allergenen (z.B.
Hausstaubmilben oder Schimmelpilze) aufhält, läuft schneller
Gefahr, zum Allergiker zu werden.
Auch das Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft kann Einfluss
auf die Entstehung einer Allergie haben. Prof. Dr. Manfred Götz, Leiter
der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde mit Infektionskrankheiten
am Wiener Wilhelminenspital dazu: Raucht die werdende Mutter oder setzt
sie sich häufig Passivrauch aus, steigt das Allergierisiko. Studien zeigen
weiters, dass eine Stilldauer von 4 bis 6 Monaten das Allergierisiko um 30 bis
50 Prozent senkt.
Schnupfen, oder ..?
Nase, Augen, Bronchien, Haut, Magen-Darm-Trakt und Kreislaufsystem: in diesen Organen wird eine Allergie spürbar. Vor allem die rinnende Nase, tränende und juckende Augen sowie Atembeschwerden zählen zu den typischen Symptomen einer Allergie. Dabei denken gerade in den Wintermonaten, wo ohnehin jeder ständig erkältet ist, nur wenige Patienten an die Möglichkeit einer Allergie! Betroffene sollten daher genau darauf achten, ob sich ihre Beschwerden in einer bestimmten Umgebung verschlimmern. Abgesehen davon sollte jede vermeintliche Erkältung, die länger als 14 Tage dauert, auf jeden Fall ärztlich abgeklärt werden. Hinzu kommen oft Symptome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Abgeschlagenheit, die sich im Beruf, in der Schule oder in der Freizeit äußerst nachteilig auswirken.
Keine Scheu vor dem Test!
Besteht nur der leiseste Verdacht auf eine Allergie, sollte man umgehend einen Facharzt bzw. ein Allergie-Ambulatorium um Rat bitten. Neben der genauen Anamnese seit wann, wie und wo äußern sich die Beschwerden? werden ein Hauttest sowie eine Blutuntersuchung angeboten. Oft sind beide Untersuchungen nötig, da es eine Vielzahl von Allergenen und ganz unterschiedliche Formen der allergischen Reaktion gibt. Das Prinzip des Hauttests auch bekannt als Pricktest besteht darin, dass geringe Mengen eines standardisierten Allergen-Konzentrats auf die Haut getropft und in die oberste Hautschicht geritzt werden. Eine allergische Reaktion äußert sich durch eine juckende Quaddel, ähnlich einem Mückenstich. Die Hautreaktionen verschwinden in der Regel innerhalb kurzer Zeit wieder.
Mit Hilfe der Blutuntersuchung kann die Allergie nicht nur bestätigt, sondern auch das Ausmaß der allergischen Entzündung festgestellt werden. Besonders wichtig ist die Blutuntersuchung bei Kleinkindern sowie bei Verdacht auf Allergien gegen Penicillin oder Insektengifte.
Eine Allergie ist ein chronischer Entzündungsprozess.
Dabei bleibt die Erkrankung in vielen Fällen nicht auf Augen und Nase beschränkt:
Sie kann sich auf den gesamten Bereich der Atemwege von den Nasennebenhöhlen
mit Mittelohr über Rachen, Luftröhre bis hin zur Lunge ausbreiten.
Jede Behandlung dieser Allergie ist daher immer zugleich Vorbeugung, denn es
gilt, den "Etagenwechsel", ein Übergreifen der Entzündung
auf tiefere Atemwege, zu verhindern. 50 Prozent der Betroffenen, die heute unter
einem allergischen Schnupfen leiden, werden früher oder später zu
Asthmatikern, wenn sie nicht oder zu spät behandelt werden! Für Betroffene
bedeutet chronisches Asthma einen lebenslangen, enorm erhöhten Leidensdruck
sowie stark eingeschränkte Lebensqualität und für die Volkswirtschaft
einen 6-fachen Anstieg der Kosten.
Dr. Norbert Vetter, 2. Interne Lungenabteilung
Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe, Otto-Wagner-Spital, Wien:
Die Behandlung von allergischen Erkrankungen nutzt im Wesentlichen drei
Möglichkeiten: die "Allergenkarenz" also die Allergenvermeidung
die Behandlung der Symptome und die Hyposensibilisierung. Die erste
und wichtigste Maßnahme in der Behandlung ist die Allergenvermeidung.
Das heißt, Betroffene sollten so weit es geht den Kontakt
mit Allergie-Auslösern meiden oder reduzieren. Die weitere Therapie richtet
sich nach der individuellen Ausprägung der Symptome und dem Schweregrad
der Erkrankung.
Antihistaminika bessern Symptome wie Niesen, Juckreiz
und tränende Augen. Neueste, moderne Wirkstoffe können bereits im
Kindesalter (ab dem 2. Lebensjahr) unbedenklich verabreicht
werden und machen auch nicht müde eine Nebenwirkung, die bei älteren
Präparaten auftritt. Ergänzend dazu empfiehlt die WHO entsprechende
Nasensprays.
Die Allergie-Impfung bekämpft Ursache
Die Allergie-Impfung auch Hyposensibilisierung oder Spezifische Immuntherapie genannt hat heute einen festen Stellenwert im Allergie-Management und zwar besonders dann, wenn eine Empfindlichkeit gegenüber Allergenen vorliegt, die man schwer meiden kann, wie etwa Pollen oder Hausstaubmilben. Auch als Prävention gegen schwere allergische Reaktionen auf Bienen- oder Wespenstiche ist sie sehr wirksam. Sie ist auch die einzige Allergie-Behandlung, die direkt im Immunsystem ansetzt und dessen Fähigkeit zur Abschwächung der Reaktion nutzt. In vielen Fällen kann sogar eine Ausheilung der Allergie erreicht werden. Standardisierte Allergen-Extrakte werden dabei mit einer ganz feinen Nadel unter die Haut gespritzt. Der Extrakt kann auch in Tropfenform unter die Zunge verabreicht werden (sublinguale Allergie-Immuntherapie, SLIT) eine Form der Applikation, die vor allem für Kinder und Menschen mit einer Scheu vor Injektionsnadeln eine wertvolle Alternative darstellt.
Die Hyposensibilisierungs-Behandlung dauert im Allgemeinen drei Jahre, geimpft wird in Abständen von ein bis zwei Monaten, die Tropfen werden 1x pro Tag eingenommen. In der Regel werden die Symptome bereits nach drei bis sechs Monaten schwächer, und der Bedarf an anderen Allergie-Medikamenten geht zurück.
Asthma!
Wird beim Allergiker bereits Asthma bronchiale diagnostiziert, so gilt selbstverständlich weiterhin die Empfehlung zur Allergenkarenz. Darüber hinaus müssen spezifische Therapien eingeleitet werden, die sich wiederum nach dem Schweregrad der Erkrankung richten. Asthma erfordert ein umfassendes Krankheitsmanagement: Die richtige Anwendung der Therapie, Kontrolle der Lungenfunktion und körperliche Aktivität zählen dazu.