Bioverfügbarkeit von Vitamin C
Vitamin C ist ein
essentieller Mikronährstoff, ohne den wir kein gesundes Leben führen
können. Der Mensch hat die Fähigkeit verloren, Vitamin C in
der Leber aus Glucose aufzubauen. Er ist darauf angewiesen, Vitamin C
mit der Nahrung aufzunehmen. Diese Aufnahme kostet den Organismus viel
Energie, denn den Transport übernehmen spezielle Na+-abhängige
Transportmoleküle, die vor allem im Duodenum
und proximalen Jejunum lokalisiert sind. Die Anzahl der Vitamin-C-Transporter
in der Darmschleimhaut limitiert die Vitamin-C-Aufnahme. Je höher
die Einzeldosis ist, desto geringer fällt der prozentual aufgenommene
Anteil an Vitamin C aus und erreicht eine Sättigung. Aus diesem Grunde
ist es sinnvoll, die beabsichtigte Vitamin-C-Menge in kleinen Dosen über
den Tag verteilt (Five a day-Regel) einzunehmen. Optimal ist
eine orale Vitamin-C-Dosierung von 200 mg, hier liegt die Bioverfügbarkeit
unter steady-state-Bedingungen bei 100%. Bei höheren Vitamin-C-Gaben
sinkt sie bei 500 mg auf 73% , bzw. bei 1250 mg auf 49% (Levine 1999).
Maximale Vitamin-C-Plasmakonzentrationen (7080µM) werden nach
oraler Einnahme von einem Gramm Vitamin C erreicht. Eine Steigerung der
Plasmakonzentration über diesen Bereich hinaus ist nur durch Vitamin-C-Infusionen
möglich. Vitamin-C-Infusionen ermöglichen nicht nur höhere
Plasmaspiegel, sondern bieten gegenüber der oralen Applikation den
Vorteil, daß im Akutfall sehr schnell reduzierte Plasma- und Gewebespiegel
aufgefüllt werden können. Bei der Infusionstherapie wird das
Salz der Ascorbinsäure verwendet. Das Ascorbat-Anion verfügt
über die gleiche biologische Aktivität wie die Ascorbinsäure.
Im physiologischen pH-Bereich kann es jedoch keine sauren Valenzen abgeben,
so daß es zu keiner Verschiebung des Säure-Basen-Haushalts
kommt. Ein auf diese Anforderungen abgestimmtes Präparat ist Vitamin
C Injektopas 7,5 g.
Auch die Aufnahme
von Vitamin C ins Gewebe ist vielfach nur unter Energieverbrauch möglich,
fast alle Gewebe verfügen über sogenannte SVCT1- oder SVCT2-Transporter.
Neben dem Energie- und Natrium-abhängigen Transport gibt es für
viele Gewebe auch die Möglichkeit Deydroascorbat via Glucose-(Hexose-)
transporter (GLUTs) aufzunehmen und intrazellulär wieder zu Ascorbinsäure
zu reduzieren (z.B. Neutrophile, Blut-Hirn-Schranke etc.). Ascorbinsäure
kann die bidirectionalen GLUTs nicht mehr passieren, so daß Vitamin
C in diesen Zellen angereichert werden kann. Neutrophile, die Bakterien
ausgesetzt werden, oxidieren extrazelluläre Ascobinsäure zu
Dehydroascorbinsäure, die via GLUTs aufgenommen wird und durch das
Protein Glutaredoxin sehr schnell wieder zu Ascorbinsäure reduziert
wird (Rumsey 1998). Die Aufnahme von Dehydroascorbat und Reduktion zu
Ascorbat ist in Neutrophilen um das 10fache schneller als der direkte
Transport von Ascorbinsäure (Welch 1995).
Der Körper wendet
einiges an Energie auf, um den Radikalfänger Nr. 1 in ausreichender
Konzentration zur Verfügung zu haben. Bestimmte Gewebe akkumulieren
Vitamin C aktiv gegen einen Konzentrationsgradienten, da sie Vitamin C
zur Aufrechterhaltung ihrer Funktion benötigen. Besonders hohe Vitamin-C-Konzentrationen
finden sich in Gehirn (Hypophyse), Nebenniere, Augenlinse und in den Leukozyten.

Freie
Radikale
Freie Radikale sind
sehr kurzlebige, aber hochreaktive Moleküle, die Eiweißstoffe,
Fettsäuren und das Erbgut schädigen. Freie Radikale werden entweder
endogen bei vielen Stoffwechselsituationen (Atmungskette, Harnsäurestoffwechsel
etc.) im Organismus gebildet, oder sie werden durch exogene Quellen (UV-Licht,
Bestrahlung, Tabakrauch, Autoabgase etc.) verursacht.
Unter normalen Bedingungen verfügt der Organismus über ein interaktives
System enzymatischer und niedermolekularer Radikalfänger. Zu den
enzymatischen Antioxidantien zählen Superoxid-Dismutase,
Katalase und Glutathionperoxidase, die in der Zelle in unterschiedlichen
Kompartimenten lokalisiert sind und in ihrer Aktivität von bestimmten
Co-Faktoren wie Selen, Kupfer und Zink abhängen.
Auch bei den niedermolekularen
Antioxidantien kommt es zu einer Aufteilung der Zellbereiche. Das wasserlösliche
Glutathion wirkt vor allem intrazellulär, wogegen Harnsäure
extrazellulär arbeitet. Vitamin C bewährt sich in beiden Bereichen
als effektiver Radikalfänger. In den lipophilen Membranbereichen
sind fettlösliche Substanzen wie Vitamin E, Lycopin und b-Carotin
zu finden .
Durch die Kurzlebigkeit
der Freien Radikale war ihre Bestimmung im Plasma und Gewebe lange Zeit
nicht möglich. Oftmals konnten nur sogenannte Sekundärprodukte
wie z.B. Malondialdehyd, das bei der Zerstörung ungesättigter
Fettsäuren entsteht, bestimmt werden. Mittlerweile gibt es immer
sensiblere Meßverfahren zur direkten Bestimmung Freier Radikale.
Durch den Fortschritt auf dem Gebiet der Erforschung Freier Radikale hat
man erkannt, daß sie an der Entstehung vieler Erkrankungen (z.B.
Tumorerkrankungen, Katarakt) beteiligt sind oder bedingt durch die Stoffwechselsituation
im Verlauf einer Erkrankung vermehrt gebildet werden (z.B. Infektionen,
Entzündungen, Rheuma, Allergien) und zu einer Verschlechterung der
Situation beitragen. Auch bestimmte Therapieverfahren wie Bestrahlung,
Chemotherapie oder Operation produzieren verstärkt Radikale . In
all diesen Situationen kommt es zu einem Verbrauch von Radikalfängern,
der sich in den meisten Fällen in einem Vitamin-C-Defizit ausdrückt.
Alle Antioxidantiensysteme
stehen in enger Beziehung zueinander. So kann oxidiertes, d.h. verbrauchtes
Vitamin E an der Menbrangrenze durch Vitamin C regeneriert werden . Hierbei
wird Ascorbinsäure zu Dehydroascorbinsäure oxidiert. Das Recycling
von Vitamin C wird vor allem von den Erythrozyten übernommen. Sie
nehmen Dehydroascorbinsäure auf und reduzieren sie Glutathion- und
NADPH-abhängig zu Ascorbinsäure (Chan 1999). Bei der Hochdosistherapie
mit einem Antioxidans wie z.B. Vitamin C sollte zur Vermeidung möglicher
pro-oxidativer Prozesse auch immer auf eine gute Versorgung mit den übrigen
Antioxidantien wie z.B. Vitamin E geachtet werden.
Bereits 1989 erkannte
Frei, Leiter des Linus-Pauling-Instituts in Oregon, daß Vitamin
C im Plasma das wichtigste Antioxidans darstellt. Bei der Attackierung
des Blutserums durch Freie Radikale wird als erstes Antioxidans Vitamin
C aktiviert. Bis zu seiner vollständigen Oxidation (ca. 1 Stunde)
kann es die Oxidation der Fettsäurebestandteile verhindern. Erst
im Anschluß kommt es zur Lipidperoxidbildung, d.h. zur Zerstörung
von mehrfach ungesättigten Fettsäuren (Frei 1994). Vitamin C
ist somit eine wichtige Komponente in der Arterioskleroseprävention.
Auch in anderen wäßrigen Kompartimenten wie Lungen- und Bronchialsekret
(Slade und Hatch 1993) und in der Tränenflüssigkeit (Bilgihan
2001) ist Vitamin C der wichtigste Radikalfänger.
Daß Vitamin
C wasserlöslich ist, hat viele Konsequenzen für den menschlichen
Organismus. Wasserlösliche Vitamine können vom Organismus nicht
gespeichert werden. Vitamin C ist deshalb aus toxikologischer Sicht unbedenklich,
da ein mögliches Zuviel über die Niere ausgeschieden wird. Auf
der anderen Seite bedingt ein Fehlen von geeigneten Speichern, daß
der Mensch auf eine kontinuierliche Versorgung mit diesem essentiellen
Mikronährstoff angewiesen ist. Die Aufnahme von Vitamin C über
die Nahrung bzw. über orale Darreichungsformen und die Verteilung
im Gewebe erfolgt energieabhängig. Auch die Rückresorption aus
dem Primärfiltrat ist nur durch erneute Energiebereitstellung möglich.
Besonders kritisch ist dieser Punkt bei durch Streß oder Krankheit
geschwächten Patienten. Diese Personen verfügen möglicherweise
nicht mehr über die notwendigen Energiereserven, um Vitamin C aktiv
über eine orale Zufuhr aufzunehmen. Ausreichende Plasmaspiegel lassen
sich in diesen Fällen nur über eine parenterale Substitution
erzielen.
Die Wasser-/Fettverteilung,
bei Erwachsenen entfallen 60% des Körpergewichts auf Körperwasser
und 16% (oder mehr) auf Fett, erklärt den hohen Bedarf an wasserlöslichen
Radikalfängern. Als hydrophiles Antioxidans kann sich Vitamin C gut
im Organismus verteilen, d.h., es kann je nach Bedarf schnell und zielgerichtet
eingesetzt werden. Bei einer erhöhten Exposition gegenüber Autoabgasen
zum Beispiel steigt die Ascorbinsäurekonzentration im Nasensekret
um das 12fache an. Auf diese Weise kann die Schädigung durch Radikale
für eine gewisse Zeit verhindert werden (Blomberg 1998).
Übersteigt die
Konzentration Freier Radikale die antioxidative Kapazität des Organismus,
kommt es zum oxidativen Streß. Wichtige Zellstrukturen werden zerstört.
Besonders bei entzündlichen Prozessen (Arthritis, Allergien), Infektionen
oder Ischämie-Reperfusions-Situationen kommt es zu einem massiven
Anfall Freier Radikale.

Ischämie-Reperfusion
Bei Operationen kommt
es durch Abbinden von Gefäßen in dem dahinter liegenden Gebiet
zur Ischämie. Bei der anschließenden Wiederdurchblutung (Reperfusion)
werden massiv Freie Radikale gebildet, die zu Gewebsschädigungen
führen. Bei chirurgischen Eingriffen spiegelt sich dies auch in einem
Absinken des Vitamin-C-Spiegels wider. 84% aller Patienten zeigen am 1.
postoperativen Tag ein Vitamin-C-Defizit (Rümelin 1999). Im Herzzentrum
Bad Krozingen wird z.B. Vitamin C Injektopas in der Gefäßchirurgie
zur Vermeidung von ischämischen Reperfusionsschäden während
und nach offener Herzoperation eingesetzt (Preiss et al. 2002, in press).
Verbrennungen
Auch bei Verbrennungen
kommt es zu einem massiven Anfall Freier Radikale, die vor allem mehrfach
ungesättigte Fettsäuren zerstören (Lipidperoxidation).
Hochdosierte Vitamin-C-Infusionen führen nicht nur zu einer signifikanten
Reduktion der Lipidperoxidation, sondern reduzieren auch die posttraumatische
Ödembildung, die Beatmungsdauer und die Menge an Flüssigkeitsersatzlösung
(Tanaka et al. 2000).
Arteriosklerose,
KHK, Diabetes
Oxidativer Streß
ist ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung der Arteriosklerose (Ting
et al. 1997). Das Gefäßendothelium und in besonderem Maße
die Stickoxid-(NO-)Produktion ist empfindlich gegenüber oxidativem
Streß. Klinische Studien zeigen einen erheblichen Benefit durch
Vitamin-C-Infusionen bei einer Vielzahl von Situationen, wie Hypercholesterolämie
(Ting et al. 1997), Rauchen (Heitzer et al. 1996) und bei koronaren Herzerkrankungen
(Heitzer et al. 1996). Vitamin C stellt in diesen Situationen die verschlechterte
Endothelfunktion wieder her. Es schützt das gefäßdilatierende
Stickoxid (NO) und verbessert seine Bioverfügbarkeit (Jackson et
al. 1998). Hochdosierte Vitamin-C-Infusionen können auch bei Hyperglycämie
oder Hyperinsulinämie die stark verminderte Endothelium-abhängige
Vasodilatation wiederherstellen (Beckman 2001, Arcaro 2002).
Die gefäßprotektiven
Eigenschaften wurden auf der diesjährigen Jahrestagung des American
College of Cardiology weiter bestätigt. Bei koronarkranken Diabetikern
führt eine Dauertherapie mit Vitamin-C zur Verbesserung der Durchblutung
(Tousoulls 2002). Eine einmalige Vitamin-C-Gabe bewirkt bei Patienten
vor Bypassoperation eine wirksamere Gefäßdilatation der Arteria
radialis als der Kalziumantagonist Diltiazem (Drossos 2002). Vitamin C
verbessert auch die Arginin-vermittelte Vasodilatation bei Arteriosklerose
(Tousoulls 2002). Es wirkt sich günstig auf die Progression der Arteriosklerose
an den Carotiden aus und führt zu einer um 40% reduzierten cardiovaskulären
Mortalität. Dies bestätigt eine 10jährige Follow-up-Studie
(Nicolaidas 2002).
Arthritis
Bei entzündlich-rheumatischen
Erkrankungen ist der Vitamin-C-Bedarf stark erhöht. Dies spiegelt
sich in signifikant reduzierten Vitamin-C-Spiegeln im Plasma und Leukozyten
von Arthritispatienten wider (Lunec 1985, Oberritter 1986). Im entzündeten
Areal bilden aktivierte Makrophagen fortlaufend Radikale und schädigen
das umliegende Gewebe, das u. a. über die Aktivierung proinflammatorischer
Gene mit erneuten Entzündungsreaktionen reagiert. Das Resultat ist
chronischer oxidativer Streß, der zu Gewebezerstörung, chronischen
Entzündungen und Schmerz führt.
Vitamin
C wird bei Arthritis und anderen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen
als Radikalfänger eingesetzt (Kodama 1994). Tierexperimentelle Studien
zeigen eine signifikant reduzierte Leukozyteninfiltration in das entzündete
Gewebe, reduzierte Schwellung- bzw. Ödembildung und eine erhöhte
Analgesie durch Vitamin-C-Injektionen (Davis 1990).
Immunsystem
Vitamin C schützt
das gesunde Gewebe und die Immunzellen vor Sauerstoffradikalen, die im
Zuge der Immunantwort gebildet werden. Leukozyten besitzen hierzu im Vergleich
zum Plasma 40- bis 80mal höhere Vitamin-C-Konzentrationen (Evans
et al. 1982, Trenkman 1990). Vitamin C verbessert die Mobilität und
Chemotaxis der Leukozyten, erhöht die Phagozytoseleistung und steigert
die Aktivität der NK-Zellen.
Die Summe all dieser protektiven Wirkungen von Vitamin C gegenüber
Freien Radikalen drückt sich in einem gesunden Organismus aus. Proteine,
Fettsäuren und Erbsubstanz können durch eine optimale Vitamin-C-Versorgung
effektiv vor Zerstörungen geschützt werden.
Das bestätigt die EPIC-Norfolk-Studie aus England an nahezu 20 000
Männern und Frauen, die in Lancet publiziert wurde (Khaw
2001):
Eine Erhöhung der Vitamin-C-Konzentration im Blut um 0,35 mg/dl kann
das Mortalitätsrisiko um 20 Prozent senken.