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Selen
im Blickpunkt der Onkologie
Zusammenfassung eines Expertenforums am 25. Mai
2002 in Hamburg
Selen
ist ein "Muß in der Prävention und Therapie von Krebserkrankungen".
So lautete das Resümee des Expertenforums
Unstrittig
ist nach Meinung von Dr. Klaus Kühn aus Olching, dass dem lebensnotwendigen
Mikromineral als Zentralelement zahlreicher Enzyme und körpereigener
Redoxregulatoren wie der Glutathionperoxidase oder der Thioredoxin-Reduktase
eine antioxidative Schutzfunktion zukommt.
Selenaufnahme
weit hinter Empfehlungen zurück
Als Co-Faktor
vieler Proteine wirkt Selen der Zellschädigung durch Radikalbildner
oder Lipidhydroperoxide entgegen. Es moduliert die Lymphozytenfunktion
und steigert die Aktivität von natürlichen Killerzellen. Es
bestimmt die Funktionstüchtigkeit der Schilddrüsenhormone,
die bei einem Selenmangel durch entsprechende Supplementation verbessert
werden kann. Als mitochondriales Kapsel-Selenoprotein bewahrt es das Sperma
vor oxidativen Schäden und sichert dessen Stabilität und Mobilität.
Belegt ist der Einfluss von Selen auch auf DNA-Reparaturmechanismen sowie
auf die Auslösung der Apoptose, so Kühn. Insgesamt sind
derzeit über 20 Selen-haltige Enyzme mit unterschiedlichen physiologischen
Wirkungen bekannt.
Der Bioanorganiker
verwies auf die Selen-Armut landwirtschaftlich genutzter Böden in
Europa, die unter anderem auf moderne Agrartechnologien zurückzuführen
sei. Über die Nahrungskette könnten daher nur unzureichende
Mengen des von den Griechen nach dem Mond benannten Halbedelmetalls in
den menschlichen Organismus gelangen. Die von der Deutschen Gesellschaft
für Ernährung (DGE) empfohlene Selenaufnahme von 70 bis 100
µg
pro Tag sei mit herkömmlichen Lebensmitteln kaum zu erzielen, so
dass es zu typischen Mangelerscheinungen wie Immunschwäche,
erhöhter Infektanfälligkeit, aber auch entzündlichen
Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes, Kardiomyopathie oder
erhöhter Krebsinzidenz kommen kann.
Mit 38 µg
pro Tag für Frauen und 47 µg
für Männer bleibe die tatsächliche Selenaufnahme weit hinter
den Empfehlungen zurück. Da es zumeist nicht gelingt, Defizite selbst
durch Zufuhr selenhaltiger Nahrungsmittel wie Weizen, Fleisch, Fisch,
Huhn und Eier auszugleichen, sei hier bei regelmäßiger Kontrolle
des Plasmaspiegels die gezielte Substitution zum Beispiel in Form von
Selen als Nahrungsergänzung angezeigt. Kinder im Alter von
drei bis vier Jahren sollten 20 µg,
Kinder über vier Jahre 50 µg,
Jugendliche und Erwachsene 100 µg,
Frauen mit Kinderwunsch 150 µg,
Schwangere und Stillende 200 µg
und ältere Menschen 150 bis 200 µg
pro Tag einnehmen.
Krebsrisiko
durch niedrigen Selenstatus
Ein niedriger
Selenstatus geht mit einem erhöhten Krebsrisiko einher, bestätigte
Dr. Olaf Kuhnke aus Rosenheim. Der Mediziner plädierte für den
verstärkten Einsatz von Selen nicht nur in der Präventivmedizin,
sondern auch in der Onkologie. Die antikarzinogene Wirkung von Selen sei
auf antimutagene, antiproliferative, antiradiotoxische und antivirale
Effekte, Metallentgiftung und das Abbinden von Karzinogen wie Benzpyren
oder Aflatoxin sowie auf Apoptoseinduktion zurückführen. Während
beim noch gesunden Menschen die Basissubstitution ausreicht, sind beim
chronisch Kranken und hier insbesondere in der Onkologie Hochdosisregime
erforderlich, um in das Krankheitsgeschehen eingreifen zu können.
So empfehle sich bei laufender Chemotherapie die Verabreichung
von mindestens 300 µg
pro Tag sowie die Infusion von 1000 µg
direkt vor Zytostatikagabe.
Krebspatienten,
die begleitend zu einer Chemotherapie Natriumselenit (anorganisches Selen)
erhalten, leiden weniger unter den Nebenwirkungen der konventionellen
Tumorbehandlung, konstatierte auch Dr. Harald Heidecke, Luckenwalde. Selen
könne darüber hinaus die tumordestruktive Kraft konventioneller
Therapien steigern. Heidecke schilderte Zwischenergebnisse einer aktuellen
in-vitro-Studie, die belegen, dass es durch Co-Medikation mit Selen zu
einem signifikanten Wirkanstieg unter anderem von Oxaliplatin und 5-FU
beim Kolonkarzinom kommt. Der Referent sprach von eindrucksvollen Ergebnissen,
die auch auf einen bisher nicht bekannten, Selen-spezifischen Wirkmechanismus
hinweisen.
Ganzheitliches
onkologisches Therapiekonzept
Argumente
für die Behandlung mit Selen liefert unter anderem die so genannte
Clark-Studie, erläuterte Dr. Stephan Wey, Lauf. Dabei handelt es
sich um eine prospektive, doppelblinde und randomisierte Präventionsstudie
an 1312 Patienten mit Hauttumoren, die 1996 in den USA durchgeführt
wurde. Sie ging mit einer erniedrigten Inzidenz von sekundärem Lungen-,
Prostata- und Kolonkarzinom bei Supplementierung von täglich 200
µg
Selen einher, berichtete der Arzt. Da die Gesamt-Krebsmortalität
in der Selengruppe deutlich gesenkt werden konnte, brach man die Studie
aus ethischen Gründen vorzeitig ab. Begründung: Es ist nicht
zu verantworten, die Placebo-Gruppe ohne Selen weiter zu behandeln.
Wey schilderte
desweiteren eine Interventionsstudie aus dem Jahr 1997 an 130.471 Probanden
im chinesischen Quidong. Die Verabreichung von selenangereichertem Salz
führte zur signifikanten Reduktion der Inzidenz von Leberzell-Karzinomen
um 40 Prozent nach acht Jahren. Auch eine Freiburger Studie aus dem Jahr
1998 und eine amerikanische Studie von 2000 belegen, dass Natriumselenit
in hohen Konzentrationen das Wachstum humaner Karzinomzellen (Prostata,
Niere, Kolon, Brust, Niere, Dünndarm, Leber) verhindern kann.
Wey: "Selen ist aus der Krebstherapie nicht mehr wegzudenken und
zählt heute neben Zytostatika- und Strahlentherapie, der komplementären
Immuntherapie, Hyperthermie und orthomolekularer Medizin, Enzym- und Thymus-,
Schmerz-, Ernährungs-, Psycho-, und Physiotherapie zum ganzheitlichen
onkologischen Therapiekonzept".

Weitere diesbezügliche Ergebnisse
aus der Forschung:
Tumorpatienten brauchen
Selen
Nebenwirkungen der Krebstherapie
vermindert
Potsdam. Selenhaltige
Proteine spielen eine wichtige Rolle bei der Entgiftung Freier Radikale.
Diese werden bei einer Radio- und/oder Chemotherapie in großen Mengen
gebildet und sind wesentlich verantwortlich für deren Nebenwirkungen.
Ausgerechnet Patienten mit soliden Tumoren haben aber oft extrem niedrige
Selenspiegel. Die Substitution durch Natriumselenit (eine
anorganische Selenform) reduziert unerwünschte Begleiterscheinungen
der Therapie wie Lymphödeme deutlich.
In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Natriumselenit
mit Radioprotektoren wie Amifostin durchaus mithalten kann. "Spätestens
hier gingen bei einigen Arbeitsgruppen die Lichter an", sagte Dr.
Jens Büntzel von der HNO-Klinik am Südharzkrankenhaus Nordhausen
auf einem Expertengespräch. Er selbst ermittelte bei Patienten mit
Kopf-Hals-Karzinomen in 90 % der Fälle einen Selenmangel.
Dadurch sinkt die Aktivität des Enzyms Glutathionperoxidase
- einer der wichtigsten Abwehrmechanismen gegen Freie Radikale. Diese
sind hauptverantwortlich für radiogene Nebenwirkungen wie Mukositiden
im Kopf-Hals-Bereich oder akute Entzündungen des Enddarms.
"Nach heutigem Kenntnisstand erscheint die
Substitution von Selen unter laufender Bestrahlung sinnvoll, wenn ein
nachgewiesener Mangel besteht", so Dr. Büntzel. Für eine
generelle Empfehlung außerhalb von Studien sei es allerdings noch
zu früh. In zwei großen plazebokontrollierten Untersuchungen
wird derzeit geprüft, ob Natriumselenit die Nebenwirkungsrate einer
Radiotherapie bei gynäkologischen Tumoren und Plattenepithelkarzinomen
im HNO-Bereich reduziert.
Bereits belegt sind günstige Effekte von Selen
beim Lymphödem, das besonders häufig nach Radiotherapie in Kombination
mit einer chirurgischen Intervention auftritt. Beim Mammakarzinom schwankt
die Häufigkeit zwischen 6 und 30 %, bei Kopf-Hals-Tumoren sind mehr
als 50 % der Patienten betroffen.
Doppelblind und placebokontrolliert
belegt:
Selen lindert therapieinduzierte Lymphödeme im Gesicht
Vor allem Lymphödeme im Kopf-Hals-Bereich, bei denen physikalische
Maßnahmen nur begrenzt anwendbar sind, können die Patienten
über Jahre beeinträchtigen, betonte Dr. Oliver Micke von der
Klinik für Strahlentherapie der Universität Münster. Er
initiierte eine Studie mit 52 Patienten mit Lymphödem der Extremitäten
oder der Kopf-Hals-Region. Die vier- bis sechswöchige orale Gabe
von 350 µg Natriumselenit pro m² Körperoberfläche
täglich bewirkte bei 75 bzw. 84 % der Patienten eine Besserung von
mindestens einem Stadium im Földi- oder Miller-Score.
Auch die Lebensqualität nahm signifikant zu.
Keiner der Patienten entwickelte ein Erysipel (Wundrose).
"Natriumselenit bietet somit eine preiswerte und nebenwirkungsarme
Möglichkeit, Patienten vor den unangenehmen Folgen der Krebstherapie
zu bewahren", resümierte Dr. Micke.
In einer kontrollierten Studie mit zehn Patienten
je Gruppe wurde die Wirksamkeit von Natriumselenit bei der Behandlung
des sekundären Lymphödems bei Zungengrund- und Mundbodenkarzinomen
geprüft. Nach prä-, intra- und post-operativer Gabe von je 1000
µg als i.v.-Bolus wurde die Behandlung mit 1000 µg i.v. oder
oral täglich für weitere drei Wochen fortgesetzt. Wie Dr. Thomas
Zimmermann von der Chirurgischen Universitätsklinik Dresden berichtete,
kam es zu einem signifikanten Anstieg der zuvor extrem niedrigen Selenspiegel
und der Glutathionperoxidase-Aktivität im Vergleich mit der Kontrollgruppe.
Nach einer Woche fand sich eine signifikant geringere Ausprägung
des Gesichtsödems im Vergleich mit Placebo, die auch nach zwei Wochen
noch feststellbar war. Dr. Zimmermann setzt Natriumselenit inzwischen
bei allen Patienten ein, bei denen mit der Entwicklung eines Lymphödems
zu rechnen ist.
Selen als Lebensretter
Patienten mit schwerer Sepsis
weisen stark erniedrigte Selenspiegel auf, die mit der Prognose zu korrelieren
scheinen. Zwei prospektive Studien belegen, dass sich der frühe Einsatz
von Natriumselenit günstig auf den Verlauf auswirkt. In einer Studie
erhielten 21 Patienten je Gruppe entweder die bisher empfohlene Dosis
von 350 µg Natriumselenit täglich oder 535 µg i. v. an
den ersten drei Tagen. Anschließend wurde die hohe Dosis sukzessive
reduziert.
Während sich die Selenspiegel und die Glutathionperoxidase-Aktivität
in der Hochdosisgruppe innerhalb von drei Tagen normalisierte, blieb sie
in der Kontrollgruppe extrem niedrig. Unter der hohen Dosis entwickelten
signifikant weniger Patienten ein Nierenversagen; die Mortalität
konnte von 52 % auf 35,5 % gesenkt werden. Bedeutsam ist vor allem der
starke Rückgang der Mortalität bei den schwerstkranken Patienten,
betonte Professor Dr. Roland Gärtner von der Internistischen Intensivstation
der Medizinischen Klinik Innenstadt der Universität München.
Die Ergebnisse werden nun in einer großen Studie überprüft.
Ausführlich
über Selen -hier klicken-


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