
Märchen vom Kaffee
Flüssigkeitsräuber oder nicht?
Nicht nur in der Laienpresse, sondern auch von vielen Ärzten wird die These vertreten, Kaffee sein kein Getränk wie jedes andere. Der therapeutische Ratschlag Mehr trinken! wird häufig mit der Warnung Aber keinen Kaffee! verknüpft. Zugrunde liegt der Glaube, dass Kaffee ein Flüssigkeitsräuber sei, der wegen seiner diuretischen Wirkung den Wasserhaushalt des Körpers empfindlich störe.

Kaffee als Flüssigkeitsräuber??
Die Erfahrung, dass regelmäßige
Kaffeetrinker nicht in Scharen austrocknen, stand dieser Behauptung schon immer
entgegen. Jetzt hat auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)
darauf hingewiesen, dass es mit der These vom Kaffee als Flüssigkeitsräuber
wissenschaftlich nicht so weit her ist. Sie beruht im Wesentlichen auf der Fehlinterpretation
von Studien, die in der Vergangenheit durchgeführt wurden, um die physiologischen
Wirkungen des Kaffeekonsums zu erforschen. Bekannt geworden ist insbesondere
eine Studie aus den späten 90er Jahren, bei der zwölf junge Freiwillige,
die zuvor fünf Tage lang keinen Kaffee getrunken hatten, morgens um acht
und mittags um zwei jeweils drei Tassen Kaffee trinken mussten, also insgesamt
knapp einen Liter. Die Gesamttrinkmenge und die Gesamtflüssigkeitszufuhr
wurden unter Einrechnung des Kaffeeanteils im Vergleich zum Vortag, der als
Referenz diente, konstant gehalten. Verglichen mit dem Vortag kam es durch die
sechs Tassen Kaffee am Tagesende zu einer mittleren Abnahme des Körpergewichts
um 0,7 Kilogramm. Gleichzeitig nahm das Urinvolumen um 752 Milliliter zu.
Diese Beobachtung hatte einige Interpreten der Studie zu dem Schluss geführt,
dass sich bei Kaffeekonsum der Flüssigkeitsstatus verschlechtere und die
"verloren gegangene" Flüssigkeit wieder "aufgefüllt"
werden müsse, etwa durch ein Glas Wasser.
Das ist ganz klar eine Mär, sagte DGE-Experte Stefan Graubner. Der Grund: Die vorübergehende Abnahme des Körpergewichts und damit der Gesamtwassermenge darf nicht mit einer Verschlechterung der Flüssigkeitsversorgung gleichgesetzt werden. Nicht nur die Flüssigkeitsausscheidung nahm bei den Probanden zu, sondern auch die Natriumausscheidung, und zwar im Vergleich zum Vortag um etwa 80 Millimol.
Bei den Oszillationen des Extrazellularvolumens fällt Kaffee kaum auf.
Das bestätigt auch Prof. Olaf Adam vom Walther-Straub-Institut der Ludwig Maximilian-Universität München. Er führt aus, dass die antagonisierende Wirkung des Koffeins auf die Adenosinrezeptoren der Niere eine parallele Ausscheidung von Wasser und Natrium bewirke. Dadurch aber gehe dem Körper nicht "Körperflüssigkeit", sondern extrazelluläres Volumen verloren. Die Verlustmenge liege selbst bei erheblichem Kaffeekonsum im Bereich weniger hundert Milliliter, was bei einer natürlichen Schwankungsbreite des menschlichen Extrazellulärraums von etwa dreieinhalb Litern für gesunde Menschen mit normalem Flüssigkeitshaushalt nicht ins Gewicht falle. Bei chronischem Kaffeekonsum kommt es zudem zu einer Gegenregulation des Körpers, die bewirkt, dass Wasser- und Natriumausscheidung nicht auf Dauer erhöht bleiben.
Auch Kaffee in Flüssigkeitsbilanz einrechnen
So fanden sich in einer bilanzierten Crossover-Studie bei 18 Freiwilligen nach
mehreren Tagen des Konsums von jeweils identischen Mengen von koffeinhaltigen
und koffeinfreien Getränken keine Unterschiede im Urinvolumen, in der Urinosmolalität
und in der Elektrolytausscheidung zwischen den Gruppen. Die DGE folgert deswegen,
dass regelmäßiger Kaffeekonsum den Flüssigkeitshaushalt allein
durch die mit dem Kaffee zugeführte Wassermenge beeinflusst. Mit anderen
Worten: Auch schwarzer Kaffee ist Flüssigkeit und sollte in einer Bilanzierung
als solche gerechnet werden.
Kein Freifahrtschein für Kaffee-Junkies
DGE-Experte Graubner möchte die Feststellung, dass es sich bei der These
vom Kaffee als Flüssigkeitsräuber um eine Mär handelt, freilich
nicht als pauschales Verdikt zum hemmungslosen Kaffeetrinken verstanden wissen:
Wir empfehlen nicht, zur Flüssigkeitsdeckung ausschließlich
Kaffee zu trinken, so Graubner. Auch wegen der Wirkungen des Koffeins
auf das Herz-Kreislaufsystem und das zentrale Nervensystem ist man mit Wasser
und Säften besser bedient. Und auch Prof. Adam differenziert: Bei Personen
mit marginaler Flüssigkeitszufuhr, etwa bei älteren Menschen, könne
Kaffee nicht auf die tägliche Flüssigkeitsmenge angerechnet werden.
Anders ausgedrückt: Ist das Extrazellulärvolumen bereits klein, wird
es durch den Konsum von Kaffee nicht größer. Nicht zuletzt gibt es
auch noch eine starke Variabilität bei der Verstoffwechselung des Kaffees.
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